Dienstag, 15. Januar 2013

Ein echter Kerl sein

Je mehr ich über die Männlichkeit nachdenke, desto sicherer bin ich mir, dass sie nicht existiert. Schon Formulierungen wie "ein echter Kerl sein" verweisen darauf, dass Männlichkeit nicht nur auf etwas Natürliches zurückgeführt werden darf, sondern immer auch als Aufgabe betrachtet werden muss. Wer als echter Kerl gesehen werden will, muss ein bestimmtes Verhalten zeigen und bestimmte Auffassungen teilen. Mit anderen Worten: Männlichkeit in diesem Sinne beinhaltet immer auch, einen Mann zu spielen, so zu tun, als sei man einer. Es ist seltsam, wenn man bedenkt, wie sehr viele Männer darum bemüht sind, als einzigartige Individuen zu erscheinen, in Fragen der Männlichkeit jedoch nur eines wollen, nämlich dem Virilitäts-Ideal möglichst nahe zu kommen. Solange man indes ein echter Kerl sein will, ist man keiner. Die Lösung des Problems der Männlichkeit kann also nur darin bestehen, dieses Problem fahren zu lassen. Nur das Besondere kann die Wunden heilen, die das Allgemeine reißt.

Wie viel innige Freundschaft mag zwischen den Männern nicht entstanden sein, weil sie fürchteten, für homosexuell gehalten zu werden? Homophobie ist kein Phänomen, unter dem nur eine gesellschaftliche Minderheit litte. Denn sie erschwert allen von ihr Betroffenen, erwachsen zu werden.

Montag, 14. Januar 2013

Mehr seufzend als leidend

"So gärt sie munter weiter, diese Mischung aus tausend Giften und Abfallstoffen, aus denen meine Seele zusammengebraut ist." Ich war im Begriff, einen Text mit diesen Worten zu eröffnen. Doch ich konnte ihn nicht fortsetzen. Auch wenn ich diesen ästhetisierenden Dekadenzduktus gut beherrsche, sollte ich ihn schleunigst verlernen. Er drückt schon lange nicht mehr aus, was in mir vorgeht, was ich bin. So kommt es, das sich dieser gerade erst niedergetippte Satz in Anführungsstriche gesetzt wiederfindet, in welchen er - mehr seufzend als eigentlich leidend - wie ein schwarz gefärbter Emo-Löwe in seinem Gehege umherschweift.

Man erweckt leicht den Eindruck, ein verständiger Mensch zu sein, wenn man immer nur über Dinge redet, mit denen man sich auskennt.

Es sich hoch anzurechnen, jemanden zu tolerieren, ist ein sicheres Zeichen von Hochmut.

Solange du dich zwingen musst, hast du noch nicht verstanden.


Samstag, 12. Januar 2013

Nachahmung

Das Humane haftet an der Nachahmung: ein Mensch wird zum Menschen überhaupt erst, indem er andere Menschen imitiert. (Adorno)

Ich kann gar nicht schreiben. Aber ich tue so, als ob ich schreiben könnte. Außerdem ahme ich jene nach, die schreiben können. Irgendwann sagte mir jemand: So wie du will ich das auch einmal können! "Sehr gut", versetzte ich, "dann ahme mich nach, so wie auch ich immer nur nachgeahmt habe!" Es bedarf keines besonders ausgefallenen Verhaltens oder eines originellen Stils, um als sogenannte Persönlichkeit in Erscheinung zu treten. Die Weise, wie man nachahmt, reicht vollkommen aus. Sie offenbart die ganze Individualität.

Es gilt als charmant, jemandem zu sagen, er oder sie sei eine inspirierende Persönlichkeit. Genauso gut könnte man ihm oder ihr allerdings auch folgende Worte zuflüstern: "Ich halte es für äußerst lohnenswert, dich zu kopieren." Im Grunde müsste man drei mal leben, um im dritten Versuch vielleicht einmal weise genug zu sein, nicht mehr improvisieren zu müssen. Aber wir leben nur einmal. Wir wissen nicht, was das alles soll. Deshalb ahmen wir jene nach, die auf uns den Eindruck machen, sie wüssten, worauf es in diesem rätselhaften Dasein ankommt. Und auch diese haben sich - man ahnt es - schon bei anderen abgeschaut, wie man einen solchen Eindruck erwecken kann. Ein Mensch wird zum Menschen überhaupt erst, indem er andere Menschen imitiert - und von ihnen abschreibt. 

Donnerstag, 10. Januar 2013

Erst einmal darüber nachdenken (Dialog)

Emil: Ich verstehe nicht, was man der Skepsis vorwerfen könnte. Für mich gehört sie zur geistigen Hygiene einfach dazu. Warum ziehen es die Menschen vor, sich selbst einzulullen und ihre Köpfe in die Wolken zu stecken, anstatt die Dinge so zu sehen, wie sie sind? Ich finde das unredlich.

Sophia: Ich treffe viele Menschen, deren Ansichten sich oft gravierend unterscheiden. Solange ich jedoch das Gefühl habe, es mit einem guten Menschen zu tun zu haben, werde ich mich hüten, einen Streit über Meinungen loszutreten. Das ist mir dann einfach nicht wichtig.

Emil: Was aber, wenn dieser Mensch von vollkommen irrigen Prämissen ausgeht, die den Stolz deines Verstandes verletzen müssen? Kann ein Mensch gut sein, der es nötig hat, an Unsinn zu glauben? Und selbst wenn er nicht daran glaubte, wäre es dir nicht unerträglich, ihm nicht zu widersprechen?

Sophia: Ehrlich gesagt interessiert es mich nicht allzu sehr, von welchen Prämissen ein Mensch ausgeht. Natürlich widerspreche ich auch, aber nur dann, wenn ich glaube, dass jemand Dinge sagt, die ich nicht tolerieren kann. An einer geistigen Hygiene, wie du sie verstehst, bin ich nicht interessiert. Wenn mir an ihr gelegen wäre, hätte ich viele bereichernde Gespräche bereits im Keim abtöten müssen. Und wozu?

Emil: Du bist eben ein Mensch, der es nicht so genau nimmt. Solange du meinst, dass es der andere gut mit dir meint, bist du bereit, ihm zu folgen. Ich denke, dass das Falsche immer von Übel ist, ganz gleichgültig, ob ich mit demjenigen, der es ausspricht, sympathisiere oder nicht. Man kann das Gute nicht ohne das Wahre erlangen!

Sophia: Das ist schön gesagt. Was aber, lieber Emil, soll ich mir nun unter dem Wahren vorstellen? Was mich an den Auffassung der Menschen interessiert, ist doch, dass sie mir ganz verschiedene Antworten auf diese eine Frage geben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass nur eine Meinung wahr sein könnte, während alle anderen falsch sind. Wenn sich die Wahrheit damit zufriedengäbe, sich in nur einer Formel einfangen zu lassen, müsste ich wohl Partei gegen sie ergreifen - zum Wohle all der Menschen, die ich liebe.

Emil: Wenn du dich für die Wahrheit nicht interessierst, interessierst du dich letztlich auch nicht für das, was die Menschen sagen, sondern bloß dafür, dass sie überhaupt mit dir sprechen. So schätze ich dich jedoch nicht ein. Auch jetzt versuchst du doch, mich von deiner Sichtweise zu überzeugen.

Sophia: Ich will dich nicht überzeugen. Was hätte ich davon? Mir liegt nur daran, dass du verstehst, was mir wichtig ist. Wenn es dir schlecht geht, brauchst du irgendeine Krücke, zum Beispiel den Satz eines Philosophen, um dich wieder aufzurichten. Deshalb bist du vielleicht auch so auf Wahrheit fixiert. Ich verstehe das nicht. Als ob die Wahrheit davon abhinge, ob ein Satz wahr oder falsch ist! Als ob alles Wohl und Wehe an einer einzigen Konklusion hängen könnte! Das hat für mich nichts mit Redlichkeit zu tun, eher mit so etwas wie Verstocktheit. 

Emil: Verstocktheit? Willst du mich moralisch disqualifizieren, weil du mich in einem vernünftigen Gespräch nicht zu überzeugen vermagst? Das ist keine gute Angewohnheit von dir, das habe ich dir schon oft gesagt.

Sophia: Und ich habe dir immer wieder widersprochen. Du kannst jemanden, der sich zu Recht aufregt, nicht einfach als dämlichen und unbeherrschten Menschen dastehen lassen. Deine kühle Distanziertheit werde ich wohl niemals erreichen. Aber ich brauche sie auch nicht. Alle meine Hoffnungen tragen die Namen lebendiger Menschen. Menschen, von denen ich weiß, dass sie zu mir stehen. Was nützt mir alle Wahrheit dieser Welt, wenn ich alleine dasäße und es mir dreckig ginge? Ich verstehe nicht, wie man sich mit irgendwelchen zusammengesuchten Maximen und Lebensregeln über Wasser halten könnte!

Emil: Was hält dich über Wasser, Sophia?

Sophia: Warum stellst du mir ausgerechnet diese Frage? Die Menschen natürlich. Sie sind alles, was ich habe.

Emil: Alles? Echt? Darüber muss ich, glaube ich, erst einmal nachdenken.

Rückzug

Du bist sehr schnell sehr weit vorausgestürmt, um deine Fahne in den weichen Sand zu stoßen. "Ja, es ist wirklich so einfach!", hast du in alle Welt hinausgeschrien. Aber keine Sau interessiert sich für den Grund deiner ungestüm wuchernden Euphorie. Du hast gedacht, die Entscheidung herbeigeführt zu haben. Nun allerdings, da sich deine Säfte längst wieder abgekühlt haben, dämmert dir, dass du in die Falle deiner eigenen Hoffnung gelaufen bist. Die Flut kommt; du wirst dich mitsamt deiner Fahne davonstehlen müssen. Selbst wenn du der aufsteigenden Linie des Lebens wieder angehören solltest, bleibt dir nichts anderes übrig, als jetzt den Rückzug anzutreten. Doch obwohl deine Füße schon nass sind, lächelst du.

Wenn man das Leben wie ein Spiel betrachtet, in dem es darum geht, den verborgenen Sinn einer jeden Niederlage aufzudecken, existiert es sich gleich viel besser. Um dieses Spiel zu gewinnen, wirst du dir die ein oder andere Pleite einhandeln müssen. Nein, du bist niemand, der das Scheitern fürchtete. Vielmehr sehnst du es herbei, um ihm endlich den Schrecken austreiben und die Perspektive aufbrechen zu können. Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren. Dass fühlst du in dieser Nacht sehr distinkt. Und am Tage?

Montag, 7. Januar 2013

Vergangenheit

Wähntest du etwa, ich erriete die Repressionen nicht, die du deiner Seele hast antun müssen, um diese weisen Worte zu sprechen? "Der Vergangenheit gewachsen sein" - das heißt meist nur: sie umschreiben, sie so umerzählen, dass das Schlechte in ihr als Überwundenes auftritt, als etwas, das nicht mehr der Fall ist. Man erzählt gerne über seine schlimme Vergangenheit, wenn man das Gefühl hat, dass sie tatsächlich vergangen ist, eben etwas, dass man mit Ruhe und Rührung betrachten kann. Vielleicht kann man nur mit dem Blick des Erkennenden schmerzfrei nach dem Gewesenen zurücksehen.

Freitag, 4. Januar 2013

Differenzen

Die Menschen sind verschieden. Aber was folgt aus dieser Verschiedenheit? Ich wage die Behauptung, dass uns jeder Gedanke schmerzt, der diese Verschiedenheit verabsolutiert. Ob Rassenhass, Neid, Scham, Konkurrenzstreben oder Bosheit, bei all diesen Phänomenen gelingt es dem von ihnen beherrschten Menschen nicht, die Differenz zwischen sich und den anderen zu überbrücken: Er ist allein. Natürlich gibt es auch vielfältige Weisen, die Differenz offensiv zu denken. Manchmal macht es Spaß, jemanden, den man nicht leiden kann, leiden zu sehen. Jeder sportliche Wettkampf lebt davon, dass es Sieger und Verlierer gibt. Den gegnerischen Spieler oder die gegnerische Mannschaft niederzukämpfen, ist irgendwie schön. So ernst man den Sport jedoch auch nehmen mag, er ist nur ein Spiel. Das heißt, dass die Differenz zwischen den Sportlern nur scheinbar gesetzt wird. Eigentlich kann man gut miteinander, auch wenn man sich auf dem Spielfeld gerade umgetreten hat. Es ist ein großer Fortschritt, wenn sich Völker, anstatt übereinander auf Schlachtfeldern herzufallen, sportlich bekämpfen.

Jeder Wettkampf beruht auf etwas Objektivem, sonst könnte es keinen Sieger geben. Im Seminar gibt es kein objektives Kriterium dafür, wer Recht hat. Ergo: Man schwätzt. Hitzige Debatten mögen interessant sein; die Hoffnung jedoch, den anderen durch die bloße Kraft der Argumente umzustimmen, ist naiv. Ich habe noch niemals erlebt, dass sich jemand im Seminar hat überzeugen lassen. Wenn es kein objektives Kriterium für eine Niederlage gibt, warum sollte man sie sich dann jemals eingestehen? Man kann ja immer weiterreden.

Man kann sich nur mit einem Menschen vergleichen, sofern man ihn auf gewisse Aspekte reduziert, etwa das Äußere oder die Intelligenz. Nur in Bezug auf einzelne Aspekte kann ein Mensch besser als ein anderer sein. Jeder schmerzliche Gedanke zergliedert den Menschen in Aspekte, mit anderen Worten: Er bringt ihn um. Wenn ich neidisch bin, neide ich etwas, das der andere hat. Wenn ich jemanden um sein Äußeres beneide, reduziere ich mich auf meine Hässlichkeit. Wenn ich mich aufgrund meiner kaukasischen Haut überlegen fühle, abstrahiere ich freiwillig von mir. Um mich besser als ein anderer zu fühlen, muss ich mich selbst zuerst zugerichtet, reduziert, vereinfacht, ja im Grunde lächerlich gemacht haben. Es mag schön sein, einen anderen  scheitern zu sehen. Ist diese Freude jedoch allzu groß, verrät sie innere Armut. Ob man gewinnt oder verliert, letztlich ist man immer noch etwas mehr als bloß ein Sieger oder Verlierer, nämlich ein konkreter Mensch.

Der gütige Mensch interessiert sich gerade für Differenzen. Er neidet die Schönheit eines Menschen nicht, sondern will ihn noch ein wenig schöner machen, indem er ihn zum Lachen bringt. Wir sind Künstler, die einander verschönern. Es ist ein Zeichen von Stärke, wenn man die Differenzen sucht, um sie zu genießen. Mit den eigenen Leuten kann jeder gut. Interessant wird es jedoch, wenn man neue Menschen kennenlernt. Güte ist das Wohlgefallen an der Individualität des anderen. Jeder Gedanke, der das Band zwischen uns wieder knüpft und befestigt, füllt unsere Herzen mit Freude und Zuversicht. Ja, das ist wirklich so einfach!